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Ist sexuelle Treue eine Lösung bei Paaren?

Fakt ist: Monogamie ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen:

Sexuelle Untreue kann Liebe sein, sexuelle Treue dagegen lieblose Gewohnheit.

Noch nie zuvor waren so viele Ideen zu diesem Thema gleichzeitig verfügbar und selten gab es eine so große Freiheit, zwischen ihnen zu wählen. Trotzdem sind Partnerschaften nach wie vor fest mit dem Wunsch nach Treue verknüpft. Fremdgehen stellt für viele eine der größten vorstellbaren Krisen dar. Was sind die richtigen Lösungsstrategien für das Dilemma aus Treuewünschen und Untreuesehnsüchten? Vor dem Hintergrund ihrer provokanten These „Liebe benötigt keine Treue“ dass es sich eventuell lohnt, Modelle zu entwickeln, die sich an der Liebe orientieren und nicht an romantischen Klischees.

Viele Menschen trennen sich lieber von ihrem Partner als von ihrem Treuekonzept. Für 90 Prozent aller Partnersuchenden ist Treue eines der wichtigsten Kriterien, doch.

  • ca. 97 % der Männer
  • ca. 95 % der Frauen

waren bereits in einer festen Beziehung mit Bindung sexuell untreu. Aber ansonsten ist Monogamie nur seltenst möglich, denn wenn man nur mit 2 verschiedenen Partner(innen) gehabt hätte, ist es mit der Monogamie schon vorbei. Oft wird dann als Lösung die serielle Monogamie gelebt. 

Was heißt serielle Monogamie

Serielle Monogamie bedeutet, dass man über mittelfristige Zeiträume immer wieder exklusive Partnerschaften eingeht, die dann zu einem anderen Zeitpunkt einfach von einer neuen abgelöst werden. Es handelt sich um eine Form der Monogamie. 

Ist serielle Monogamie das Beziehungsmodell der Zukunft?

Von wegen für immer und ewig! Man kennt es aus Märchen, Hollywoodfilmen und von den eigenen Großeltern: Zu einem anderen Zeitpunkt kommt sie, die große Liebe (meint man), und dann lebt man gemeinsam glücklich bis ans Lebensende. Doch Studien ergeben immer wieder, dass diese Form der Beziehung längst nicht mehr zeitgemäß ist. Statt mit einem Partner für immer zusammenzubleiben, springen immer mehr Menschen von einem Lebensabschnittspartner zum nächsten. Genau das nennt man serielle Monogamie. Aber kann das wirklich glücklich machen und langfristig funktionieren?

Mehr dazu auf: https://www.elle.de/serielle-monogamie

Wie aktuell ist das Thema „offene Beziehung“ und „Polyamorie“

Noch nie zuvor waren so viele Ideen zu dem Thema „offene Beziehung“ und „Polyamorie“ gleichzeitig verfügbar, und selten gab es eine so große Freiheit, zwischen ihnen zu wählen.

Trotzdem sind Partnerschaften nach wie vor fest mit dem Wunsch nach Treue verknüpft. Fremdgehen stellt für viele eine der größten vorstellbaren Krisen dar. Was sind die richtigen Lösungsstrategien für das Dilemma aus Treuewünschen und Untreuesehnsüchten?

Sexuelle Treue wurde übrigens erst um die Wende des 17 und 18. Jahrhunderts ein Thema. Der mittelalterliche Kirchenvater Hieronymus sah es so. Die übermäßige Liebe zur eigenen Frau ist schändlich. Ein vernünftiger Mann soll seine Frau mit Besonnenheit heben und nicht mit Leidenschaft … nichts ist mehr von Sünde, als seine eigene Frau wie eine Mätresse zu lieben.

Für Hieronymus gibt es brennende und besonnene Liebe, doch beides ist Liebe. Warum aber ist nichts schändlicher, als seine eigene Frau wie eine Mätresse zu heben? Weil, und das wusste schon Hieronymus, die leidenschaftliche Liebe die Ehe zerstört. „Die katholische Kirche wusste schon immer, was für Menschen und die Ehe gut ist.“ Den gerade alleinstehende Männer ohne jegliche echte Beziehungserfahrung wissen, was für die Menschen gut ist“ Oder?

Der aus gleicher Zeit stammende Theologe Benedikt denkt ähnlich und versucht ebenfalls, die Ehe vor der leidenschaftlichen Liebe zu schützen: »Der Mann, der sich von übermäßiger Liebe hinreißen lässt und seine Frau so leidenschaftlich bestürmt, um seine Begierde zu befriedigen, als wäre sie gar nicht seine Frau und er wollte dennoch Verkehr mit ihr haben, der sündigt.

Wichtig! Dies ist ein geschichtlicher Abriss. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung!

Die große Lüge

Nicht Untreue zerstört unser Beziehungsleben, sondern falsch verstandene Treue. Das sollte sich ändern.

Eine Geschichte: Er wolle keine Beziehung, sagte mir der Mann, in dessen Bett ich nach einer feuchtfröhlichen Nacht gelandet war. Ich war achtzehn Jahre alt, er siebenundzwanzig – und mir war das Recht. Ich sagte ihm, ich käme selbst gerade aus einer Beziehung. Wolle mich einfach ein wenig rumtreiben, ohne Verpflichtungen? Wir waren uns einig und trafen uns wieder. Wir kochten zusammen, machten ausgedehnte Touren mit dem Bike, besuchten Konzerte und lagen lange Sonntage im Bett. An einem dieser Sonntage, ich war inzwischen zwanzig, sprachen wir über unser Verhältnis. Unsere Beziehung. Ob es in diesen Jahren daneben vielleicht noch andere gegeben habe. Es hatte. Erst schilderte er mir ein paar Liebesabenteuer. Dann gab ich meine Handvoll zum Besten. Worauf er schweigsam wurde, sich schließlich anzog und mich verließ. Nach zwei Wochen kam er zurück und bat mich, es nochmals zu versuchen. Ich lehnte ab. Nicht wegen seiner anderen Geschichten, sondern weil er unsere Abmachung verraten hatte: Wir sind zusammen, weil wir uns viel bedeuten. Treue ist dafür keine Bedingung.

In der Schweiz befinden sich rund drei Viertel der Bevölkerung in einer Partnerschaft. Die meisten wünschen sich, dass diese Beziehung ihnen alles bietet, eine emotionale Heimat, Stabilität und sexuelle Erfüllung. Die Liebe ist, wie Paartherapeut Klaus Heer sagt, monogam. Nur der Mensch ist es nicht. In Umfragen geben 36 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer an, Sex außerhalb der festen Beziehung gehabt zu haben. Ganze 72 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer verrieten, dass sie es gern tun würden, wenn sie Gelegenheit hätten. Manche Experten sprechen davon, dass 90 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens fremdgehen, bei den Frauen sind es drei Viertel. Untreue ist denn auch einer der Hauptgründe, warum Ehen in den westlichen Industrienationen reihenweise kollabieren. 50 Prozent beträgt die Scheidungsrate in der Schweiz, dazu werden immer weniger Ehen geschlossen, und die Beziehungen sind heute kürzer und serieller. Untreue zerstört Vertrauen, zerbricht Hoffnungen, Herzen und Familien. Die entscheidende Frage ist aber nicht, warum wir eigentlich nicht treu sein können. Sondern warum unser Beziehungsideal auf einer Lüge gründet. Die Lüge, dass wir uns immer treu sein werden.

Denn sexuelle Treue im umfassenden Sinn ist unmöglich. Wir können uns die Lust versagen, wir können so tun, als gäbe es sie nicht. Wir können unser eigenes System herunterfahren und im Tiefen sehr unglücklich werden, was an allen Ecken und Kanten in der Partnerschaft hochkommt. Aber es ist eine Täuschung. Als Liebende halten wir uns für die vornehmen Protagonisten einer Verfilmung von Romeo und Julia. Was die menschliche Sexualität angeht, wird aber Planet der Affen gespielt. Trotz ihrer romantischen Veranlagung ist unsere Spezies reichlich sexbesessen. Weltweit fließen täglich Milliarden in den industriellen Komplex, der Sexualität verkauft. Pornografie und Prostitution, Partnerbörsen und Seitensprungportale, Pharmaindustrie und Paartherapeuten verdienen daran, die Symptome unserer Krankheit zu lindern. Aber zur Ursache stoßen sie nicht vor. Der moderne PR-Manager, der zu seinem Pediküre-Termin einen veganen Lunch bestellt, hat nämlich mehr mit seinen behaarten Urahnen gemein, als er es wahrhaben möchte. Dies ist auch der Grund, warum unsere kulturellen Modelle so zuverlässig scheitern.

Wir pathologisieren Fremdgeher. Ist es aber nicht der Normalfall?

Nach meinem Erlebnis mit dem eifersüchtigen Mann habe ich studiert, einen Beruf erlernt, zwei Kinder geboren und viele Krisen gemeistert. Noch mehr Krisen habe ich passiv miterlebt, von Freundinnen und Freunden. Und immer geht es um dasselbe. Insbesondere wenn Kinder im Spiel sind, erlahmt die Lust auf den Partner mit den Jahren. Nicht aber der Appetit auf Sex. Und wenn wir auch einige Karinte, vielleicht sogar Jahre gut mit unseren Lügen leben können, so kann es das Leben nicht lassen, uns stets aufs Neue herauszufordern.

MICHÈLE BINSWANGER, eine Autorin, 2010 zur Schweizer „Journalistin des Jahres“ gewählt, schrieb:

Ich habe viele Beziehungen am Problem falscher Treueerwartungen zerbrechen sehen. Und so frage ich mich heute:

  • Ist es vielleicht gar nicht die Untreue, die Ehen zerstört, sondern die unrealistische Erwartung, dass Sex nur innerhalb der Ehe stattfinden soll?
  • Warum pathologisieren wir Fremdgeher und stigmatisieren sie moralisch, wenn sie doch eigentlich der Normalfall sind?
  • Warum halten wir es für normaler, von einer monogamen Kurzzeitbeziehung zur nächsten zu eilen, als außereheliche sexuelle Kontakte in Kauf zu nehmen?
  • Aus welchem Grund halten wir dieses als serielle Monogamie bekannte Muster für tauglicher, als uns vom Dogma der Monogamie zu verabschieden?
  • Ist es vielleicht gar nicht der Partner, der uns betrügt, sondern die Liebe selbst? Zerstört uns also nicht die Untreue, sondern die Treue?

Ich las in den Büchern des Sexualtherapeuten und Autor Ulrich Clement. Ich entnehme, „Unser Liebesmodell stammt aus Bürgertum und Romantik“, sagte er. In vormodernen und modernen Ehen gehörte Untreue dazu, bei Mann und Frau. Doch dann wurde die Liebe zunehmend zum romantischen Ideal verklärt, die innereheliche Sexualität wurde aufgewertet, die außereheliche sanktioniert. Im Verlaufe des zwanzigsten Jahrhunderts verlor die Ehe ihre wirtschaftliche und soziale Bedeutung zunehmend. Übrig blieb das romantische Fantasma, scharf bewacht von der Eifersucht. Ohne Eifersucht gäbe es kein Anspruch auf Exklusivität, kein Treueproblem, keine am Küchentisch durchdiskutierten Nächte, keine unversöhnlichen Trennungen. Eifersucht, so Clement, ist ein kulturübergreifender Reflex. Doch die Bewertung des Gefühls variiert kulturell beträchtlich. In patriarchalen Kulturen, welche die Ehre des Mannes an die Treue der Frau knüpfen, kann sie mörderische Konsequenzen haben. Denn die Frau gehört dem Mann, sie soll ihre Sexualität ihm allein vorbehalten.

Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung zu der Frage: „Ist sexuelle Treue eine Lösung?“

 

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